Erwin und Margarete

Eine Kurzgeschichte von Von Marieluise Semmlinger
Januar 2014

Mit einem Päckchen unter dem Arm, liebevoll in Zeitungspapier eingewickelt, betritt Erwin den heimischen Hof. Er kann es kaum erwarten, seine geliebte Margarete in die Arme zu schließen.
Margarete hat das bekannte Knarren des Hoftores vernommen, öffnet die Haustür und eilt mit ei-nem charmanten Lächeln auf den schmalen und faltigen Lippen, Erwin entgegen.
„Sieh, was ich uns mitgebracht habe“, flötet Erwin seiner Liebsten ins Ohr.

Er entfernt das Zeitungspapier und wirft es achtlos auf den Boden. Ein Windhauch – und das Papier verfängt sich im Stachelbeerstrauch des Nachbarn. Margaretes Miene verdüstert sich. „Erwin, der von nebenan gibt allein mir die Schuld, ich hätte wieder seinen Garten verschandelt.“ „Ach was, Margarete, steht ja nicht drauf, von wem die Zeitung kommt.“

Erwin geht einen Schritt zurück und hält ein weiß emailliertes Blech in die Höhe. „Lies‘ vor, was auf dem Schild steht“, fordert er Margarete auf.

Erwin und Margarethe Hausschild

Sie liest:„Hier wohnen Erwin und seine Frau“

„Dieses Schild schraube ich vorne an unser Tor“, verkündet er stolz. „Aber Erwin, warum hast du meinen Namen nicht darauf schreiben lassen?“ „Liebling, das E von Erwin ist, wie du siehst, überdimensional und vom Künstler so perfekt gezeichnet, dass für das M von Margarete der Platz nicht mehr ausgereicht hätte.“

Margarete schüttelt ihr greises Haupt, packt Erwin am Ärmel und zieht ihn durch die Haustür in den Flur.
„Schau Erwin, was heute auf einer Palette mit einem LKW angeliefert worden ist, ich habe den riesigen Karton gleich ins Haus transportieren lassen.“

Erwins Augen sprühen Blitze.
„Margarete, Liebling, das ist ein Geschenk für dich!“ „Aber ich dachte, wir wollten uns nichts mehr schenken.“ „Bitte Margarete, überlasse das Denken den Pferden, die haben einen größeren Kopf – und komme mir nicht damit, wir haben aber kein Pferd.“

„Margarete, bringe ein Messer, dann schneiden WIR vorsichtig den Karton auf.“

Margarete, bewaffnet mit dem größten Messer, das sie finden konnte, bückt sich über den Karton, kniet, hockt, krabbelt auf Händen und Füßen und schneidet wie ein Weltmeister. Schweißpfützen durchdringen ihre Hausschuhe, während Erwin mit verschränkten Armen im gleichmäßigen Takt mit dem Fuß auf die Fliesen trommelt. Nicht, weil er kalte Füße hat, oder etwa ungeduldig ist und leise denkt: „na, geht’s etwas schneller?“
Nein, die Aufregung lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Margarete werden die Augen aus den Höhlen springen, wenn sie sein Geschenk sieht.

Unmengen von Pappe bedecken den Flur.
„Was ist das!“, Margaretes plötzlicher Schrei lässt die Mauern des baufälligen Anwesens erzit-tern.
„Liebes, ich wusste, es würde dich vollends aus der Fassung bringen.“ Er macht eine lange Pau-se und atmet tief ein.
„Das ist ein Nasstrockenteppich-Parkett- und Fliesensauger“, sprudelt es aus Erwin, wie ein Wasserfall.

„Parkett?, wir haben kein Parkett“, erinnert sich Margarete.
„Na wenn schon, dann lassen wir uns welches legen – Problem gelöst“, erwidert Erwin und durchbohrt mit seinem stirnrunzelnden Lehrerblick ihr Unwissen.
„Erwin, wie soll ich den Trockenteppichparkettfliesenden Sauger nach oben ins Wohnzimmer tragen, keinen Millimeter kann ich ihn anheben.“

„Den Nasstrockenteppich-Parkett- und Fliesensauger“, korrigiert Erwin. „Na gut, wie kriege ich das Ding nach oben?“

Erwin zieht die Stirn kraus.
„Sei ruhig, unterbrich mich nicht!“

„Ich habe doch gar nichts gesagt!“

Nur das Tick und Tack der Uhr schleicht sich durch die geöffnete Küchentür.

„Ich hab‘s!“

Margarete zuckt ohnmächtig zusammen.
Nach Stunden regen sich zögernd bei ihr die Lebensgeister. Es ist nicht die Temperatur von unter 36° C, die Margarete allmählich in einen halbjährigen Winterschlaf hinübergleiten lässt, sondern das Hämmern, Bohren, Nageln und Fluchen ihres Gatten.
Sie sortiert ihre eingefrorenen Knochen, rappelt sich auf und kriecht auf allen Vieren die Treppe hinauf.

„Erwin was tust du da oben?“
„Ich baue einen Flaschenzug.“
„Ein Zug, hier auf der Treppe – und Schienen?“
„ICH schleppe doch täglich selbst die Flaschen vom Keller nach oben bis ins Wohnzimmer!“

„Margarete, Margarete, du kapierst aber auch gar nichts! Jeder Erstklässler kann dir erklären, was ein Flaschenzug ist – gehört zur Allgemeinbildung!“
„Also, ein Flaschenzug dient dazu, schwere Lasten von einem Ort zum anderen zu bewegen. In unserem Fall kannst du den Nasstrockenteppich-Parkett- und Fliesensauger ohne fremde Hilfe vom Flur hinauf ins Wohnzimmer heben. Ich habe dem Hebelgesetz sozusagen eins ausgewischt.“

„Aha“, brummt Margarete verstehend, „da kümmere ich mich lieber um die Kartoffeln“ und sie verschwindet in der Küche.

Einige Tage später

Erwin-und-Margarethe_Tor_weMargarete ist nun vollends aufgetaut und probiert den Flaschenzug aus. Er funktioniert tatsächlich. Es bereitet ihr enormes Vergnügen, den Nasstrockenteppich-Parkett- und Fliesensauger vom Flur ins Wohnzimmer zu transportieren.

Hoch und runter. Runter und hoch – immer wieder.

Bis sich nach ein paar Tagen Erwin vom ständigen Hoch und Runter vornüber krümmt und mit einem Magengeschwür ins Krankenhaus eingeliefert wird.
Margarete verkürzt von Mal zu Mal die Besuche im Krankenhaus, denn ihre Zeit wird knapp. Er-win wird in fünf Tagen entlassen.
Mit glühenden Wangen und einigen Kilos weniger um die Hüften, hämmert, bohrt, nagelt und flucht Margarete an der Überraschung für ihren Erwin.
Und nach fünf Tagen holt Magarete ihren, nun ebenfalls leichteren Mann, der als Organspender sein Magengeschwür der Allgemeinheit zur Transplantation überlassen hat, vom Krankenhaus ab.

Das Tor knarrt.
Es ist kalt!
Eisig kalt!

Erwin schaut in den blauen klaren Winterhimmel.
„Margarete, in Gottes Namen, was ist denn das da oben?“ „Erwin, ich bin immer noch außer Atem – also, das ist MEIN Geschenk an dich – Ein Flaschenzug!“

„Ich glaube das nicht, den hast DU gebaut? Einen Flaschenzug, damit ich auf‘s Dach komme? Und das Zugseil sogar mit einem Sicherungsanker in die Wand gedübelt.“
„Ja, Erwin“, haucht Margarete und noch leiser: „Allgemeinbildung heißt das Zauberwort.“
„Na, dann wollen wir mal probieren, ob du alles richtig gemacht hast.“ Erwin setzt sich in den Drahtkorb.

„Auf geht‘s, hopp, hopp!“
Schulmeister“, zischt Margarete.

Oben, in luftiger Höhe angekommen, der Korb pendelt ein wenig, schreit Erwin:“Mir ist kalt, lass‘ mich runter!“
„Sofort Erwin, ich komme gleich wieder.“

Margarete saust ins Haus und postwendend ist sie mit Wollmütze und Schal wieder draußen. Sie klemmt sich die Utensilien unter die Achsel und packt das Zugseil mit beiden Händen.
Es ist vereist!
Das Seil rutscht durch die klammen Finger und fliegt mit samt dem stabilen Sicherungsanker, den es aus der bröckligen Wand gerissen hat, durch die Luft und Erwin mit einem dumpf scheppernden Gepolter auf den gefrorenen Asphalt.

„Oh Erwin, hast du dir wehgetan? Meine Güte, wie konnte das passieren? Erwin, sag‘ etwas! Warum rührst du dich nicht? Wo guckst du hin? Ich bin doch hier!“
„Schau, was ich dir aus dem Haus geholt habe, deine dicke Wollmütze und den molligen Schal.“

Margarete hebt geistesabwesend den Sicherungsanker auf.
Unschlüssig schaut sie sich allseitig um.
In der einen Hand die Mütze und den Schal mit der anderen umklammert sie den eisigen Siche-rungsanker.

„Wohin mit dem Plunder?“
„Welche waren Erwins Worte?“
„Ab in die Tonne!“